Montag, September 6

Dachau und seine 2 Seiten

Die Kreisstadt Dachau liegt nur 60 Radlminuten entfernt im Münchner Nordwesten.

Dachau. Schon bei der Erwähnung des Wortes zuckte ich früher ein wenig zusammen.
Es hatte zwar nicht ganz das Niveau Orten wie Hiroshima, Tchernobyl oder Stalingrad. Aber spielte duraus in einer Liga mit Lockerbie oder Verdun. Ich erinnere mich noch gut an mein ungutes Gefühl, wenn in der ARD Sportschau -als noch echte Randsportarten gezeigt wurden- hin und wieder beim Thema Volleyball der Name des ASV Dachau fiel.

Die Stadt Dachau ist durch den Prototyp aller Konzentrationslager, das KZ Dachau, gebrandmarkt. Bereits im März 1933, also direkt nach der Machtübernahme Hitlers, wurde es vom damaligen Münchner Polizeipräsidenten (und späteren Holocaust-Chef Organisator) Heinrich Himmler eingerichtet.
Nach anfänglichen zaghaften Protesten entwickelte sich das KZ schnell zum
rechtsfreien Raum. Für Erschiessungen war nur noch der BEfehl des Lagerkommandanten und zweier Wächter erforderlich. Zunächst diente es der Abschreckung, indem v.a. prominente Oppositionelle in Dachau inhaftiert wurden.
Baracke KZ Dachau
Arbeit macht frei Dachau Eingang
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Später war es für die SS ein perfides Test-KZ. Organisation und Aufbau dienten später allen weiteren KZs im Reichsgebiet zum Vorbild. Hier finden sich im Kleinen alles was die späteren Lager bekannt machte. Die doppestöckigen Schlafgestelle in den langen Baracken, Krematorien und sogar der "Arbeit macht frei" Schriftzug. Gaskammern gab es aber hier nicht. Spätestens in den 1940er Jahren sterben tausende Häftlinge an Thyphus, Unterernährung oder werden einfach erschossen.


Von meinem Besuch vor 2 Jahren in der heutigen Gedenkstätte sind mir als besonders wiederliche Bilder von Versuchen an Gefangenen in
Erinnerung geblieben. Um die Überlebenschancen von Piloten der Luftwaffe bei einem Absturz im Meer zu verbessern, wurden Häftlinge solange in Eiswasser getaucht bis...-oder in einer Druckkammer wurde mit Probanten ein krasser plötzlicher Druckabfall wie beim Absturz aus grosser Höhe simuliert.
Mein komisches Gefühl beim Namen Dachau wurde damals voll bestätigt. In der FAZ habe ich sogar einen Artikel gefunden, der behauptet, dass das Goethe Institut an der Dachauer Str. in München sogar bis in die 90er seinen Hintereingang als Postadresse angegeben hat um keine KZ-Assoziationen mit der Adresse zu wecken!
Ich folgte damals vom Lager am östlichen Stadtrand der Stadt einem Schild "Schloss Dachau x kilometer" etwas beklommen mit dem Radl in die Altstadt. Dachau ist ca. 300 Jahre älter als München, und besitzt -sehr zu meinem damaligen Erstaunen- neben dem KZ am Stadtrand ein wunderbares Juwel von Altstadt. Die Altstadt duckt sich unter einem Felshügel der aus dem sonst rundherum flachen Land herausragt. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, uralte Wirtshäuser. Man fühlt sich ins Mittelalter versetzt.

Fährt man dann entlang der alten Bürgerhäuser in Serpentinen den steilen Schlosshügel hinauf gelangt man an ein wunderbares Barockschloss, in dem bestimmt schon früher rauschende Feste gefeiert wurden. Absolut sehenswert.
Schloss Dachau
Man hat von hier nicht nur einen Blick auf die komplette Münchner Stadtshilouette, sondern auch auf die Alpen vom Berchtesgadener Watzmann bis zur Zugspitze!



Wow. Die Schlossgastronomie ist gerade neu verpachtet worden, an einen Schicki Gastronom vom Ammer-See und wird umgebaut. Dann wird man sicher wieder mehr vom Schloss hören. Ich werde sicherlich mal wieder vorbeischauen.

Dennoch wird Dachau seine beiden gegensätzlichen Seiten für mich wohl behalten. Ich kann einen Besuch -egal welcher Seite- nur empfehlen.

4 Kommentare:

  1. 60 Minuten von der Schwanthalerhöhe raus nach Dachau? Nicht ohne Zwischenstopps in der Landsbergerstraße 19 und im Hirschgarten einzulegen ;)

    Als Einheimischer nimmt man den Namen Dachau in etwa so wahr wie "Freising", "Erding" oder "Fürstenfeldbruck". Erst beim angestrengten Nachdenken stellt sich ein "hoppla, da war doch noch was" ein.

    Die Gastronomie in der Dachauer Altstadt ist leider in einem betrüblichen Zustand. Zu Ludwig Thomas Zeiten gab es dort noch eine ungewöhnlich hohe Dichte von rund einem Dutzend bayerischer Wirtshäuser auf wenigen hundert Metern. Übrig geblieben sind anderthalb bis zwei, mehr schlecht als recht gehender Gaststätten.

    Wenn deine Fitness eh schon nicht die beste ist, fahr doch mal an einem Sonntag vormittag mit dem Bummerlzug raus nach Altomünster, ein wirklich wunderbarer altbayerischer Marktflecken mit Rokokokirche und zwei alten Brauereigaststätten, wo auch wirklich noch gebraut wird und schon ein Ludwig Thoma regelmäßig einkehrte ;)
    Aufmerksame Münchner kennen zumindest die eine Brauerei. Das Schild des "Maierbräu" ist in München relativ oft zu finden.

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  2. 60 -90 mins brauche ich sicherlich mit meinem Velo. Dazu kommt noch, dass ich micht halt meistens noch verfahre....
    Zugegeben zucke cih bei "Dachau" auch nicht mehr so wie früher. Es beginnt auch schon normal zu werden. Interessant, dass es für Münchner völlig normal ist...

    Zu Ludwig Thomas Zeiten kannte ich Dachau natürlich noch gar nicht. Ich kann nur wünschen, dass die Gastronomie in Dachau wieder besser wird. Die Lage ist doch soo schön.

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  3. Tach auch,
    als Westfale sehe ich die Sache auch ein wenig anders. Buchenwald, Sachsenhausen, Bergen-Belsen verbinde ich ausschließlich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Es sind ja auch sehr kleine Orte oder gar Ortsteile.
    Dachau, vielleicht aufgrund der Größe assoziere ich in erster Linie als Münchener Vorstadt, dann erst als Gedenkstätte.
    Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, der Bürgerbräukeller in München und der Berghof bei Berchtesgaden sind meiner Meinung nach eher Orte, wo man sofort an die NS-Schreckensherrschaft in
    Bayern denkt.
    Grüße,
    B.-mann

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  4. Bin selber zwar kein "Dachauer", hab aber meine längsten Schuljahre dort verbracht. Ich kannte sogar noch das Gleis, das vom Dachauer S-Bahnhof abzweigte und an der Friedenstraße entlang an meiner Schule vorbei ins Gelände des ehem. KZ führte. Vor rund 20 Jahren wurde das Gleis aufgelassen und in einen Radweg umgestaltet.

    Mit 40.000 Einwohnern ist Dachau keine ganz kleine Stadt, so dass dem Bewohner im Umkreis von ich sag jetzt mal 100-150 Kilometern als erstes mit Sicherheit nicht gleich "KZ" durch den Kopf schießt.

    Die Tradition der altbayerischen Wirtshäuser und «Boazn», erkennbar daran, dass man dort noch die Schafkopfkarten auspacken kann ohne des Lokals verwiesen zu werden, hat leider fast überall im verstädterten Münchner Umfeld einen schweren Stand. Man möchte annehmen, dass gerade Abiturienten und Studenten für solche exotisch gewordenen Lokalitäten ein Faible haben. Nix da. Ich kenne in Dachau eine einzige (abbruchreife Hinterhof-)Kneipe, wo sich ab und an eine Handvoll Schüler und Studenten rumdrücken. Wo die sonst rumhängen, kA. Wahrscheinlich alle zu Hause :-/

    Der Maierbräu wird dir bestimmt gefallen :)

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