Samstag, September 24

Eindrücke vom Hang der tausend Ströme

Riesenrad Oktoberfest

Der Trubel rund um das Oktoberfest hat mein Stadtviertel fest im Griff. Am späten Nachmittag ergibt das in den Strassenzügen eine bunte Mischung. Betrunkene Menschen in Tracht stolpern umher und verzweifelte Italiener suchen Ihr Auto. Die Pizzabäcker haben gut zu tun, ebenso die Discounter und Taxifahrer. Beim Aldi stehen erschöpfte Wiesnbesucher Schlange um sich mit nicht alkoholischen Getränken zu versorgen. 
Dazwischen wuseln nüchterne Westend-Bewohner und gehen ihrem Alltag nach. Junge Mütter bugsieren Ihren Nachwuchs im Kinderwagen durch die Horden Betrunkener. Die türkischen Gemüsehändler können leider keinen Vorteil aus den vielen Betrunkenen ziehen. Ich glaube, sie staunen eher über das kulturell wertvolle bayerische Besäufnis.


freefall tower westend oktoberfest
Das Westend grenzt nun einmal direkt an den Ort des täglichen Bierkampfes von hunderttausenden. Von vielen Straßenzügen kann man sogar Fahrgeschäfte des Wiesnrummels sehen. Manchmal sogar die Schreie der Mutigen hören, die sich den Free Fall Tower hinunterstürzen. Die Einsatzsirenen der Notarztwagen gehören in diesen Wochen zum Alltag.


Bei mir überwiegt die Freude so nahe am Ort des Geschehens zu wohnen. Schliesslich kommen Leute aus aller Welt freiwillig nach München. Zum Beispiel gar nicht wenige Australier, die das Oktoberfest Package über festivaltravel.com buchen und nur zum Feiern für 4 Tage nach Europa kommen. Zudem freue ich mich immer über Besuch aus meiner westfälischen Heimat.
Viele schaffen es meist nur einmal im Jahr -natürlich während des Oktoberfestes- mich zu besuchen. Ebenso verhält es sich mit den Anfragen bezüglich Couchsurfing. Verhältnis von Anfragen vor und während der Wiesn zu Anfragen im Restjahr: Ungefähr 50 zu 1.


Während mein Besuch sich in der Regel beim Thema Alkoholkonsum im Griff hat, bin ich mir bei den festivaltravel - Reisenden aus Übersee nicht so sicher. Die meisten Oktoberfestbesucher fallen irgendwann betrunken aus den Zelten. Und dann scheint eine unsichtbare Kraft den Meisten dieser angeschlagenen Trinker den gleiche Weg zu weisen. Es geht zum Hang der tausend Ströme!   


Der Hang der tausend Ströme ist der Grünhügel im ersten Viertel der Theresienwiese. Vor allem Besucher des Hacker- und Hofbräuzeltes schlafen hier Ihren Rausch aus. Alle Körperteile von sich gestreckt, liegen Sie oft stundenlang regungslos da. Wenn das Schlafen das einzige wäre. Leider verlieren die Wiesenkämpfer hier auch sämtliche Körperflüssigkeiten. Vor allem natürlich Ihr teuer erkauftes Bier durch natürliche Verdauung, aber auch andersherum.


Schon nach einem Tag sieht der Hügel nicht mehr grün aus, sondern nimmt eine bräunliche Farbe an. Viele nennen Ihn daher auch Kotzhügel oder Promillehügel. Zwischen den Schlafenden bessern Flaschensammler Ihre Pfandgeld auf. Dazu wuseln immerzu Sanitäter und die Polizei umher.


Die Polizei hat gut zu tun. Für Taschendiebe sind wehrlose, schlafende Trinker ein einfaches Opfer. Zudem muss die Sittenpolizei immer mal wieder eingreifen wenn es Pärchen -die sich meist erst seit wenigen Stunden kennen- es zu weit treiben. Allzu oft bleibt es nämlich nicht bei zärtlichen Küssen, sondern die Pärchen wollen mehr. Wenn Sie noch können. Daher hat der Kotzhügel noch weitere Namen. Ein Kollege nennt Ihn aus diesen Gründen, den "Surprise Sex Hügel". Direkter gesprochen hört man auch von "Vögelwiese" oder "Vögelwall".


Ich will ja nicht päpstlicher als der Papst sein. Schliesslich machen die Menschen seit der Erfindung des Bieres bestimmt komische Sachen nach einigen Litern desselben. Nur sah das dann früher ganz anständig etwa so aus. Der Bayer mit dem Hut auf dem Kopf gönnt sich mal eine Auszeit.




Heute sieht das mehrheitlich so aus. Italiener mit Kaputzenpulli und Jeans liegt eingenässt in eignem Erbrochenen und röchelt.



Das ist teilweise schon heftig, wie Sie frierend  daliegen in Scherben, Kronkorken und Nässe. Vielleicht werde ich ob des Papstbesuches doch etwas nachdenklich. Schliesslich bin ich heute über 2 Schlafende gestoßen, deren Motiv mich unbewusst an ein Ölgemälde von Breughel erinnert hat. Es heisst "Schlaraffenland" und hängt in der Alten Pinakothek zu München. Ausserdem wird es gerne in Schulbücher abgedruckt:







Brueghel hat es 1567 gemalt und es soll zwar das Paradies darstellen, aber eben auch auf zwei der sieben Totsünden hinweisen. Trägheit und Faulheit. Die Bildbeschreibung gleicht fast 1 zu 1 dem Treiben um die Bierzelte:


Am Boden liegen drei dicke, vollgefressene Männer herum. Sie schlafen und träumen. Einer ist gekleidet wie ein Ritter, der andere wie ein Bauer und der dritte schaut aus wie ein Kaufmann.

Auf dem Kotzhügel findet man auch überwiegend Männer. Alle Nationalitäten und Berufe sind vertreten. Einige sehen aus wie BWLer.


Sie sind so vollgefressen, dass sie die Umgebung nicht mehr wahr nehmen.
Ohne Kommentar.

Um ins Schlaraffenland zu gelangen, muss sich ein Anwärter erst einmal durch einen Brei- oder Teigberg fressen.
Beim Oktoberfest reicht es sich mit Bier zu betrinken.


Bei allem Überfluss strahlt Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ jedoch keinen Optimismus aus. Die Bewohner wirken in ihrem Phlegma beinahe wie Leichen, ihre Körper haben gesunde Proportionen verlassen, die Kleidung reißt und wird mit wenig würdevoll anmutenden Behelfsmitteln zusammengehalten. Es findet keine Kommunikation statt, Lanze, Dreschflegel und Buch liegen nutzlos herum. Faulheit ist dort eine Tugend und Fleiß eine Sünde. Pieter Bruegels ‚Schlaraffenland‘ zeigt eine Welt, in der alles Leben zum Stillstand gekommen ist.

Das Oktoberfest soll ja ein fröhliches Fest bleiben. Aber wie die Bierleichen hinter den Zelten liegen, dass ist schon ein wenig nicht-würdevoll. Es macht mich etwas nachdenklich. Kann es alles sein, sich so zu betrinken, dass man am Hang hinter den Zelten vegetiert...Sind diese Menschen glücklich und zufrieden? Auf den Oktoberfestkonsum will ich aber nicht verzichten. Nur sollte er heuer etwas ausgewählter stattfinden. Bei gutem Bier, netten Gesprächen und einem warmen Bett zum Schlafen.

Auch die Schlafenden hätten eine Alternative, würden Sie sich nur auskennen. Nur eine Gehminute weiter beginnt der idyllische ruhige und immernoch grüne Bavariapark. Hierhin zieht sich der ortserfahrene Münchner zum Schlummerchen zurück.

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