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Sonntag, April 28

Ashes of the Wenzcreek - Auf der Spur NS Verbrecher Überreste in München

Mein neues Joggingrevier ist die Isar zwischen Thalkirchen und Solln. Derzeit riecht es nach Bärlauch und Schmelzwasser wenn ich zwischen dem Isarseitenkanal, dem Flossländekanal und der Isar durch die Anlagen laufe. Mein Ziel ist meist die imposante Großhesseloherbrücke die sich 40m über der Isar erhebt. Ein tolles Joggingrevier mit ganz viel grün, man fühlt sich wirklich mitten in der Natur obwohl die Großstadt noch so nahe ist.

Beim Joggen höre ich oft Podcasts zB. politische Interviews mit dem Deutschlandfunk. So in dieser Woche über die Resolution im UN-Sicherheitsrat gegen sexualisierte Gewalt in Konfliktgebieten. Hierbei hat Amal Clooney (Frau George Clooney und Anwältin Menschenrechte) zusammen mit einem Opfer gesessen im Plenarsaal gesessen und eine eindrucksvolle Rede gehalten.


Viel zitiert wurde dabei Ihr Hinweis dass dieser Sicherheitsrat seinen "Nuremberg Moment" erleben könne. Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse stehen noch immer als Beispiel für ein international abgestimmtes Vorgehen gegen Kriegsverbrecher.

Zeit, dass ich mich noch einmal mit den Prozessen in Nürnberg beschäftige. Am Ende der NS Schreckenszeit standen die folgenden Todesurteile (Hermann Göhring beging wie bekannt kurz vor der Hinrichtung Selbstmord):

Zum Tod verurteilt wurden:

Martin Bormann, Leiter der NSDAP-Kanzlei, persönlicher Sekretär Hitlers (in Abwesenheit).
Hans Frank, Generalgouverneur in Polen.
Wilhelm Frick, Innenminister und Reichsprotektor für Böhmen und Mähren.
Alfred Jodl, Chef des Wehrmacht-Führungsstabes.
Ernst Kaltenbrunner, Chef der Sicherheitspolizei.
Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW).
Joachim von Ribbentrop, Außenminister.
Alfred Rosenberg, NSDAP-Chefideologe und Reichsminister für die besetzten Ostgebiete.
Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz.
Arthur Seys-Inquart, Reichskommissar der Niederlande.
Julius Streicher, Herausgeber von „Der Stürmer“.


Auf der Anklagebank: Göring, Heß, von Ribbentrop, Keitel (vorne), Dönitz, Raeder, von Schirach und Sauckel (dahinter)
Die Todesurteile wurden am 16. Oktober 1946 vollstreckt.

Da sich über das Scheingrab Alfred Jodls auf der Insel im Chiemsee erst vor wenigen Wochen eine Diskussion über den Erhalt entsponnen hat (hier nachzulesen), habe ich mich gefragt was mit den Überresten der Hingerichteten geschehen ist? Dabei bin ich zu spannenden Erkenntnissen gekommen, die mich auf meine Joggingstrecke zurückbringen.

Wohin mit der Asche der Nürnberger Kriegsverbrecher?

 

Krematorium am Ostfriedhof München
Bei der Hinrichtung in der Sporthalle des Nürnberger Gefängnisses war es zu Problemen gekommen Einige Hingerichtete starben durch Ersticken am Seil erst nachdem sich der Henker an die Füße hängte. Dieses führte auf den Fotos der Toten zu recht entstellten Körpern. Danach wurden die Leichen von Nürnberg nach München gebracht. Am Ostfriedhof steht noch heute das Krematorium in dem die Leichen damals anonym verbrannt wurden.


In der öffentlichen amtlichen Mitteilung wird verlautbart: „Die Leiche Hermann Wilhelm Görings ist zusammen mit den Leichen der Kriegsverbrecher, die gemäß dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes am 16. Oktober in Nürnberg hingerichtet worden sind, verbrannt und die Asche im geheimen in alle Winde verstreut worden.“ Doch die Wirklichkeit ist anders, als diese offizielle Verlautbarung die Bevölkerung glauben läßt.
Danach bin ich immer davon ausgegangen, dass die Asche einfach in die Isar gestreut wurde.  

Die amerikanischen Soldaten fahren mit der Asche nach Solln


Zurück zum Mittwoch, dem 16. Oktober 1946. Wegen der massiven Eichensärge dauert die Einäscherung bis zum nächsten Tage. Vom Krematorium bringen US-amerikanische Soldaten am 17. Oktober 1946 die Asche der elf  Kriegsverbrecher des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses in die an der Heilmannstraße 25 gelegenen Villa Oberhummer. Die Villa liegt in der Villenkolonie Prinz Ludwigs Höhe elegant gelegen am Isar Hochufer zwischen Thalkirchen und Solln. Sicherlich haben sich hier führende Offiziere der US Army eine passende Einsatzzentrale oder ein Offizierscasino eingerichtet. 

In 11 schmucklosen Urnen in der Villa Oberhummer befindet sich nun die Asche der schlimmsten Nazi-Verbrecher, welche die Verantwortung für den Tod von Million unschuldiger Menschen trugen und ganze Länder in Schutt und Asche gelegt hatten.

Wenzbach unterhalb der Villa Oberhummer
Berichtet wird im weiteren Verlauf nun folgendes: "Drei oder vier Soldaten, ein hochrangiger US-Army-Offizier, der Chef-Bestatter der US-Armee, Major Rex S. Morgan, sowie ein ziviler Leichenbestatter steigen, die Aluminiumdosen in der Hand, eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Durch diesen fließt der Wenzbach, ein kleiner, nichts-sagender Bach im Süden von München. Er entspringt in der Adolf-Wenz-Straße nahe der Großhesseloher Brücke und fließt auf nur etwa 1 km Länge entlang der Conwentzstraße und dem Isarwerkkanal, in den er beim „Isar-Flößerdenkmal“ mündet (siehe Bild ganz unten).

75 Meter unterhalb der Villa stellen die Soldaten neben dem, kaum drei Meter breiten Bach, die elf Zylinder in das Gras und beginnen mit Äxten auf die Urnen einzuschlagen bis sie aufplatzen.

Achtlos schütten sie den Inhalt, die sterblichen Überreste, der, am Vortag gehenkten deutschen Hauptkriegsverbrecher, in den Bach, der die Leichenasche davonträgt. Die leeren Behälter zerschlagen die Militärs mit Äxten und treten das zerfetzte Blech mit ihren Stiefeln platt. Nichts darf mehr von den Nazi-Verbrechern und deutschen Regierungsmitgliedern übrig bleiben, nichts soll mehr an den Abschaum der Menschheit erinnern."

Der Wenzbach verliert seine Unschuld


Die Sieger stellen sicher, dass niemand die Spur der sterblichen Überreste der Nazi-Führer aufnehmen konnte. Keine Reliquie, kein Andenken, keine Würdigung. Nichts. Die Asche der elf Nazi-Verbrecher sollte sich verdünnen mit allem Wasser dieser Welt, einer Welt, die durch deren Schuld und Barbarei, zu viel Leid ertragen musste. Niemand soll mehr den Totenkult huldigen wie er später z.B. an den Gräbern von Franco oder Rudolf Hess entehen wird.

Die Mündung des Wenzcreeks in den Floßkanal
Der unschuldige Wenzbach fliesst nach nur 1 km in den Flossländekanal. Mehrheitlich durch Privatgärten und einmal bildet er sogar einen idyllischen Teich aus. Beim Joggen quere ich Ihn regelmässig 2 mal. Nun hat er allerdings seine Unschuld verloren.  




Sonntag, April 23

2 Denkmäler und eine Entdeckung

Kurt Eisner haben wir die Ausrufung der Bayerischen Republik im Jahre 1919 zu verdanken. Aus den nach dem 1. Weltkrieg entstandenen Räten kreirte er eine Staatsform:

„Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt!
Bayern ist fortan ein Freistaat!“
Kurt Eisner: Ausrufung der Republik am 8. November 1918

Er muss ein mutiger und kluger Mann gewesen sein:

„Die Revolution ist nicht die Demokratie. Sie schafft erst die Demokratie.“
Kurt Eisner

Als er dann aber die ersten freien Wahlen auch für Frauen ausrief, gab es für seine Partei -die USPD- eine krachende Niederlage mit nur 3% der Stimmen. Das konservative Bayern entschied sich doch lieber für einen Vorgänger der CSU (die Bayerische Volkspartei).

In der antisemitischen Zeit hatte Eisner es als Jude und linker Politiker nicht leicht in Bayern. Er sah die Niederlagre ein und wollte am 21. Februar 1919 im Landtag seinen Rücktritt verkünden. Wegen verschiedentlicher Morddrohungen riet man ihm vorsichtig zu sein. Er reagierte darauf in lakonischer Art und wählte den direkten Weg in der Öffentlichkeit über den Promenadenplatz am Bayerischen Hof.

„Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen.“   
Kurt Eisner

Genau dazu kam es leider und er wurde von einem nationalistischen adeligen Studenten Anton Graf Arco mit 2 Schüssen ermordet.

Ein interessantes Denkmal erinnert heute an die Stelle des Mordanschlages. Ein im Boden eingelassene Metallplatte trägt die Form des am Boden liegenden Kurt Eisners. Man kann natürlich kritisch sein ob es notwendig ist, dass sein Denkmal immerwährend mit Füssen getreten wird.

Kurt Eisner Denkmal

KURT EISNER, DER AM 8. NOVEMBER 1918
DIE BAYERISCHE REPUBLIK AUSRIEF,
NACHMALIGER MINISTERPRÄSIDENT
DES VOLKSSTAATES BAYERN, WURDE
AN DIESER STELLE AM 21. FEBRUAR 1919
ERMORDET.

Ein aktuelleres Denkmal habe ich an der Hopfenstrasse direkt am Hochhaus des BR gefunden. Obwohl ich die Börse am Karolienplatz vermute stehen hier Bulle und Bär. Die Zeichen für fallende und steigende Kurse an der Börse. Wie immer, alles was man an den Börsen in New York und Frankfurt vorfindet, soll auch in München zusehen sein. Allerdings in etwas bescheidender Form:

Bulle und Bär München Börse

Dabei sollen die Zeichen aus der rauhen Zeit der Stierkämpfe kommen. Nach erfolgreichen Börsengeschäften vertrieb man sich die Zeit bei Tierkämpfen. In den Arenen kam es auch zu Kämpfen zwischen Bulle und Bär. Während der Bulle nach oben stoss, versucht der Bär den Stier mit den Tatzen nach unten zu drücken.

Samstag, Oktober 17

Lach- und Schiessgesellschaft - Das Kabarett beginnt im Namen

Die Lach- und Schiessgesellschaft genisst als politisches Kabarett Kultstatus in München. Wirklich eine Schande, dass ich erst einmal in den den letzten 9 Jahren dort war.

Die Spielstätte ist an der Münchener Freiheit in Richtung des englischen Gartens. In den anliegenden Strassen findet man zB. mit dem Lustspielhaus an der Occamstrasse noch weiteren Kleinkunst und Theaterbühnen. Hier kann man noch spüren, dass Schwabing einst eine intellektuelle, antibürgerlichen Athmosphäre barg. Immerhin gab es hier in Schwabing schon im Jahrzeht vor den 68er Krawallen in Paris und Berlin solche Tendenzen. Die "Schwabinger Krawalle" sind ein solches Zeugnis mit immerhin 40.000 jugendlichen Teilnehmern und berittenen Polizisten (laut Wikipedia).

Aber kommen wir zurück zur Lach- und Schiessgesellschaft. Von Dieter Hildebrandt 1956 gegründet spielten z.B. Bruno Jonas, Werner Schneyder und Jochen Busse in dem Kabarett. Wenn man sich die alte Aufnahme bei Youtube ansieht, kommt zwar einiges verstaubt rüber, aber man sehnt sich etwas weniger Comedy und mehr Inhalt in die deutsche Komikszene (aber das ist ja nichts Neues). 

 

Das Kabarett beginnt im Namen

Ehrlich gesagt tragen viele Kabaretts merkwürdige Namen. Man denke an die Wühlmäuse und Stachelschweine in Berlin, in München gibt es den Schlachthof und Kaktus. Was es aber mit der Lach- und Schiessgesellschaft auf sich hat, hatte sich mir nie erschlossen.

Kürzlich beim Geld abholen in einer alten Filiale der Hypo-Vereinsbank (mittlerweile Unicredit) in der Schwanthaler Höhe stosse ich beim Rausgehen auf ein dezent angebrachtes altes Blechschild einer Sicherheitsfirma. Siehe da! Es gibt Sie wirklich: die Münchener Wach- und Schliessgesellschaft.

Wach- und Schliessgesellschaft München

Sonntag, Januar 18

Ukraine Konflikt und Kalter Krieg mitten in München: Ein Grab polarisiert noch heute

Am 16. August 2014 ist der Fernsehjournalist Peter Scholl-Latour gestorben. Sein Grab befindet sich in Rhöndorf, auf demselben Friedhof wo auch der erste Kanzler der Bundesrepublik -Konrad Adenauer- begraben liegt. Den Friedhof habe ich 2011 bei einer Radlreise entlang der deutschen Flüsse besucht. Vom Friedhof aus hat man einen idyllischen Blick auf eine Rheinschleife. Warum er dort begraben werden wolle?, wurde Scholl-Latour gefragt: "Konzentriertes Abendland" antwortete der Journalist lapidar.
Quelle: http://www.intersciencefilm.de/archives/1832
Ich habe Scholl-Latour unheimlich gerne in Talkshows zugesehen. Seine lakonische Art, seine überraschenden historischen Einwände gepaart mit überragendem Wissen um den Nahen Osten und persönlichen Begegnungen. Immerhin hatte er als einer der wenigen Menschen alle Länder der Erde bereist ("bis auf ein paar kleine Atolle im Pazifik" so PSL). Überhaupt liebte ich seine oft völlig Mainstream-konträren Einschätzungen. Sie haben meine Meinung zum Nahen Osten und anderen Krisenherden der Welt nicht selten beeinflusst. Bis zuletzt war er mit über 90 Jahren noch journalistisch aktiv und hatte seine schwere Erkrankung erfolgreich verschleiert.

Scholl Latour verblüfft in der ARD zu Ukraine Konflikt  


So konnte man Ihn noch Mitte des Jahres bei Maischberger in einer ARD Talkshow sehen (oder bei Youtube). Es ging um den Ukraine Konflikt und die heterogenen Bevölkerungsgruppen der Ukraine. Scholl Latour mit herrlichen Bonmots. Chrustschow habe die Krim der Ukraine im Vodka-Rausch geschenkt, oder Scholl Latour hat noch Krim-Tataren in der Wehrmacht kämpfen gesehen. Nun dreht es sich um die Situation im europäischen Teil der Ukraine rund um die Stadt Lemberg (Lwiw).

Lemberg interessiert mich schon lange. Diese alte österreich-ungarische Stadt, die nach dem ersten Weltkrieg polnisch war, dann von der Wehrmacht besetzt und schliesslich sowjet-russisch wurde bevor es unter ukrainische Verwaltung kam. Gelegen im entsetzlich umkämpften Grenzgebiet der verschiedenen Einflussbereiche im zweiten Weltkrieg, geschüttelt von ethnischen Säuberungen und staatlich angeordneten Hungersnöten (Holodomor).

Peter Scholl-Latour ist bei Maischberger schon viel weiter und wie immer haben alle Mühe im zu folgen. Er spricht nun von den "alten Leuten, die noch in Lemberg leben und mit Bandera wacker gekämpft haben".

Bandera? Den Namen habe ich noch nie gehört und muss erst einmal recherchieren.

Kollaborateur oder Freiheitskämpfer?

Stephan Bandera war ein Partisan und Politiker, der vor allem die sowjetische Besatzung bekämpfte
und an eine unabhängige Westukraine dachte. Ebenso war er aber wohl auch mitverantwortlich an ethnischen Säuberungen an Juden und Kommunisten im Sinne der SS. Erst wurde er von den Polen verhaftet, dann von den Deutschen begnadigt. Bandera wurde wieder nach Lemberg verfrachtet um die Bevölkerung gegen die Russen zu mobilisieren.

Eine unabhängige Westukraine war den Deutschen dann aber doch wieder zuviel, er wurde in ein KZ gesperrt, dann wieder entlassen, und dann war es eh zu spät, weil die Rote Armee Lemberg überrannte. Ein bewegtes Leben in einer schrecklichen, schnellebigen Phase des Jahrhunderts.

War er nun Nazi, Nationalist, Separatistenführer oder einfach radikaler Politiker. Ich wage mir kein Urteil. Während er in der Ostukraine als Kollaborateur gilt, wird er im Westen des Landes als Widerstands- oder gar Freiheitskämpfer verehrt (wie von den Fans von Karparty Lwiw)


Genauere Details dieser Reizfigur könnt Ihr bei Wikipedia nachlesen. Bandera setzte sich schliesslich nach Österreich ab und wurde nach dem 2. Weltkrieg unter falschem Namen in München sesshaft. Hier glaubte er sich vor seinen russischen Verfolgern verstecken zu können.

Banderas Grab ist in München


Bei meiner Recherche kommt nun etwas erstaunliches zu Tage. Banderas Grab ist auf dem Waldfriedhof in München Grosshadern. Im letzten August wurde es von seinen Gegnern geschändet. Das fast 2m hohe Kreuz wurde umgestossen und in der Erde wurde herumgewühlt.

Quelle: http://www.fs-blog.de/index.php
Grabschändung hat -wie ich finde- immer etwas leicht perverses und ist eine sehr emotionale Art zu protestieren. Illegal ist es ohnehin. Verantwortlich waren wohl pro-russische Personen, die im Zuge der aktuellen Kämpfe in der Ukraine noch einmal auf Ihre Situation hinweisen wollen. Die Polizei hat bislang vergeblich ermittelt.  

Die ukrainischen Gemeinde in München regiert allerdings erschüttert. Bandera sein "zum zweiten mal umgebracht worden". Zum zweiten mal?

KGB schlägt 1959 in München zu


Bandera gelang es nach den Kriegswirren erfolgreich in München unterzutauchen. Dennoch können die Häscher des russischen KGBs in den 50er Jahren seinen Aufenthaltsort ermitteln. Am Eingang seines Wohhauses in der Kreittmayrstraße 7 in München-Schwabing wurde Bandera auf besonders grausame Art von KGB Agenten ermordet. Sie spritzten Ihm Zyankali ins Gesicht, woraufhin die Ärzte Ihn nicht mehr retten konnten. Das Ort des Attentats habe ich heute besucht und es war ein mulmiges Gefühl genau dort zu stehen, wo ein solcher Lebenslauf, der bis heute polarisiert, durch Agenten sein Ende fand. Eine unscheinbare Hofeinfahrt.



        

Sonntag, November 9

Hindenburg in Bayern: Eine Büste wird vom Sockel gestoßen

Was man auf dem Bild sieht ist eine Gedenktafel für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Das mag im preussisch geprägten Teil Deutschlands nichts besonderes sein. Was aber hat Sie im bayerischen Voralpenland zu suchen? Und warum fehlt die Büste?

Das Resultat eines Literaturabends

 

Gehen wir chronologisch vor. Ich nutze das Wochenende in München zur Erholung. 2 Wochenenden am Stück war ich nicht in München, 2 kommende Reisewochenenden stehen mir bevor. Vielleicht kennt Ihr das. Verteilt in der Wohnung, auf dem Schreibtisch, Sofa und neben dem Bett liegen Bücher, die mal lesen möchte, aber noch nicht die Musse hatte tiefer einzusteigen.

So ging es mir also am Samstag Abend bei einer Kanne Roibos Tee und ich vertiefte mich in den Gesprächsband von Giovanni di Lorenzo und Helmut Schmidt. Ein lesenswertes Buch, mit Statements eines wahren Stoikers, Hanseaten und Elder Statemens/Ex Bundeskanzlers. Häufiger geht es um politische Auseinandersetzungen mit dem langjährigen CSU Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Helmut Schmidt gibt zu FJS persönlich geschätzt zu haben und bezeichnet Ihn mehrfach als fabelhaften Rethoriker.

Als ich dass Buch von Schmidt/Lorenzo zurückstelle in die Politik Ecke des Bücherregals, bleibt mein Blick hängen an der FJS Autobiographie. Ich habe Sie schon vor Jahren aus neobajuwarischem Interesse in einem Antiquariat gekauft. 600 Seiten Politik hatte mich dann aber wohl jahrelang abgehalten einen tieferen Blick hineinzuwerfen.  

Ein Blick in die Strauss Autobiographie


Nun wage ich einen Blick und lese die ersten 30 Seiten der Strauss Autobiographie. FJS hat Sie nur ein halbes Jahr vor seinem Tod auf Band gesprochen und ich finde es hochspannend, dass er gegeüber der ersten NSDAP Parteizentrale an der Schellingstrasse als Sohn eines einfachen Metzgers grossgeworden ist.

Hängen bleibe ich aber an einem Zitat über den Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Als Reichspräsident hat er als Greis Hitler zum Kanzler gemacht, als Miterfinder der Dolchstosslegende die Weimarer Republik torpediert und als Generalfeldmarschall unter Wilhelm II den Tod hunderttausender Soldaten im WW I in die Schlachten um Verdun zu verantworten.

FJS in seiner Autobiographie über eine Unterhaltung mit dem Ex-Reichkanzler Brüning:

"Über Hindenburg, der Ihn (Brüning) rücksichtslos hatte fallen lassen, verlor Brüning kein schlechtes Wort. Eine ironische Anmerkung: Für mich hat Hindenburgs Metamorphose begonnen, als er seine Hirsche nicht mehr bei uns in Bayern, in Dietramszell, schoss, sondern in Neudeck in Westpreussen. Solanger er noch unter bayerischen Einfluss stand, nicht von ostelbischen Gutsbesitzern wie Oldenburg-Januschau, waren die Dinge noch in Ordnung."

Hindenburg, der Ultra Preusse -geboren 1845 in Posen- soll lange Jahre in Bayern, in Dietramszell, gejagt haben? Das begann mich zu interessieren.

Ja es stimmt. 1922 bis 1932 verbrachte Hindenburg seine Sommerfrische in Dietramszell. Ein wenig Google und dem Oberbayerischen Volksblatt sei Dank:

Hindenburg und Dietramszell – das ist eine besondere Geschichte. Sie führt zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Der Forstfachmann Georg Escherich aus Isen bei Dorfen (Landkreis Erding) wird in das unwirtliche Waldgebiet Bialowies („Gouvernement Warschau“) entsandt. Er soll die Erschließung des Urwalds in Angriff nehmen. Bialowies ist auch ein Jagdrevier. Eine besondere Attraktion: Wisente. Escherich gibt nur einzelne Exemplare zum Abschuss frei, insgesamt acht Tiere. Zuerst darf am 12. November 1915 Kaiser Wilhelm II. ein Tier erlegen. Als nächster ist dann im Januar 1916 Kriegsheld Hindenburg an der Reihe. Er wird es Escherich nie vergessen. Die beiden bleiben befreundet. Sie sind auch Gesinnungsfreunde – für Demokratie und Republik haben beide nichts übrig. 
Es kommt die Kriegsniederlage, es kommt die Revolution und die Republikgründung. Hindenburg, der Held, mischt in der Politik mit, aber er ist noch nicht Reichspräsident (das wird er erst 1925). 1921 erleidet er einen Schicksalsschlag. An seinem Wohnort Hannover stirbt seine Frau Gertrud. „Nicht zuletzt, um sich nach dem Tod seiner Frau abzulenken“, schreibt der Historiker Wolfram Pyta, „besann Hindenburg sich wieder auf seine alte Jagdpassion.“ Sein alter Jagdkumpan Escherich setzt ihn auf die Gams an. Im Sommer 1922 logiert Hindenburg erstmals in Oberbayern, Escherich bringt ihn bei der mit ihm befreundeten Familie Schilcher unter, der das Dietramszeller Klosterschloss gehört. Hindenburgs Jagdausflüge in das Revier Fall an der Isar hinter Lenggries waren für den damals schon über 70-Jährigen eine Strapaze. Eine Lore der Holzabfuhrbahn, die mit Sitzen versehen und von Pferden gezogen wurde, brachte ihn ein Stück bergauf. Den Rest musste Hindenburg aber selber gehen. „Dass er diese Strapazen bis 1931 Jahr für Jahr auf sich nahm und mit einem oder mehreren guten Böcken belohnt wurde, zeugt von seiner Leidenschaft für das edle Waidwerk wie von seiner guten körperlichen Konstitution“, schreibt Historiker Pyta.

Die meisten Google Suchergebnisse nach "Hindenburg in Dietramszell" werden aber von einem aktuelleren Thema bezüglich Dietramszell und Hindenburg bestimmt. Vor dem Dietramszeller Klosterschloss -einem oberbayerischen Spät-Barock Juwel- stand seit Ende der 30er Jahre eine Hindenburg Büste. Aufgestellt von den ehemaligen Besitzern der Familie Schilcher, abgehängt niemals. Auch nicht von den heutigen Besitzern einem Selesianer Stift und einer Montessori Schule.

Wie man mit der Vergangenheit umgeht -Hindenburg war in weiten Kreisen der konservativen Gesellschaft ein angesehener Mann- ist so eine Sache. So lassen? Hinweistafel? Abreissen?

Meine Heimat Münster hat sich für folgende Lösung entschieden:



Ein Münchner Aktionskünstler entschied sich im Sommer 2014  in Dietramszell aktiv zu werden. Er entnah kurzerhand die Büste, versah Sie mit einem Hakenkreuz und setzte Sie in den Garten der Nachfahren derer von Schilcher.

Ein wahrer historischer Krimi entsponn sich nun. Wusste ich doch nicht, was seitdem mit der Büste geschehen war. Es nützte nicht. Ich musste heute in das 5000 Einwohner Dorf. Keinen Bahnhof gibt es dort, also beschloss ich das Mountainbike zu nehmen und 70 KM über Land gen Süden zu fahren. Die hüglige Moränenlandschaft trotzte mir einige Körner ab, aber ich war motiviert. Ein wenig fühlt ich mich wie in einem Dan Brown Roman, noch viel mehr aber wie Umberto Eco in seiner Vorschrift zum Roman "Im Namen der Rose":

"Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch aus der Feder eines gewissen Abbé Vallet in die Hände: Le manuscript de Dom Adson de Melk, traduit en français d'après l'édition de Dom J. Mabillon (Aux Presses de l'Abbaye de la Source, Paris 1842). Das Buch versehen mit ein paar historischen Angaben, die in Wahrheit sehr dürftig waren,  präsentierte sich als die getreue Wiedergabe einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, die der große Gelehrte angeblich seinerseits im Kloster Melk gefunden hat".

Mit diesem Satz beginnt der legendäre  Roman "Der Name der Rose". Umberto Eco warnt den Leser der deutschen Ausgabe augenzwinkernd aber ein paar Sätze später:  

"Der geneigte Leser möge bedenken: Was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes."

Mit dem Radl auf dem Weg nach Dietramszell


Ganz so verworren war es dann bei mir doch nicht und ich erfreute mich der zauberhaften Herbstbilder und immer andersartiger Blicke auf das Alpenpanorama von der Zugspitze bis zum Wendelstein.



Dietramszell ist eine beliebte Einfamilienhausstadt im Süden Münchens. Knapp über der Hälfte zwischen Landeshauptstadt und Tegernsee. Zwar stehen hier weniger Bonzenhäuser wie in den Münchner Vororten Grünwald oder Sauerlach, aber es geht gediegen zu. Auch Kulturschaffende wie die Autorin und Moderatorin Amelie Fried oder der Regisseur Marcus H. Rosenmüller sollen hier wohnen. Auf dem Weg dorthin fahre ich durch viele Dörfer, die durch Kircherl, Wirtshaus, Bauernhof und Dorfweiher geprägt sind. Idylle pur.

In Dietramszell ist es durch das Klosterschloss, was gleichzeitig die Pfarrkirche ist, anders. Vom Wirtshaus fährt man noch 300m einen steilen Berg runter und steht urplötzlich vor den massiven waldumrandeten Klostermauern.

Im Angesicht mit der Hindenburg Gedenktafel


Der geneigte Leser weiss es schon und ich sehe es auch schnell. Die Büste ist noch immer nicht wieder da. Hindenburg ist gone, un die Hinweistafel ohne Büste fällt kaum weiter auf. Ich nutze die darunterliegende Bank für eine lange Pause mit Brotzeit und geniesse die warme Novembersonne.


Immerhin die Einfahrt zum Klosterhof mit den Hirschgeweihen erinnert vielleicht noch an den alten Preussen in Bayern. Eine Geschichte nach meinem Geschmack. Ende offen.

Geschichtsnostalgie ala Dietramszell


Nachtrag:

Die Dietramzeller haben  es ein wenig mit Geschichtsnostalgie. Neben dem Kloster erinnert eine Wirtshauswandmalerei an die letzte Postkutsche Bayerns:



Nachtrag 2:

Im Dezember 2013 kam es zu einem Eklat als Hitler und Hindenburg die Ehrenbürgerwürde der Stadt Dietramzell nochmals pro Forma entzogen werden sollte (laut bayerischer Gemeindeordnung erlischt Sie mit dem Tode). Brisantes Abstimmungsergebnis: 8:8 unentschieden. Im zweiten Wahlgang klappte es dann doch.

Nicht nur die süddeutschen Gazetten auch amerikanische Late Night Talker (Jaret Leno) amüsierten sich über das "kleine Dorf im Süden Deutschlands".


Sonntag, November 10

Eingemauert in Schwabing: Besuch beim geheimnisvollen Gurlitt Wohnblock

Nachdem ich schon einmal vom "Crime of the Century" in Australien gelesen habe, hat dies Ereignis wohl das Zeug zum "Art-Crime of the Century"! Und das hier in München!

Wie in dieser Woche der Focus herausfand, wurden in einer Wohnung in München-Schwabing, Kunstwerke im Wert von einer Milliarden Euro gefunden. Gemälde verschollen seit der Nazi Zeit. Dürer, Spitzweg, Chagall, Nolde, Kandinsky, Picasso und Toulouse-Lautrec: Unter den Künstlern befinden sich all Maler, die die Münchner Pinakotheken zu Weltruhm verhelfen und die Isarstadt zu einer Kunstmetropole machen.

Der Sohn des Kunsthändlers Hildebrandt Gurlitt -"Constantin Gurlitt" bewohnt(e) das Appartement in Schwabing, gemeinsam mit Konservendosen und Trockenknödeln. Man soll Ihn nie gesehen haben, immerhin war er gar nicht in München gemeldet, zahlte keine Steuern und selbst die Rundfunkanstalt hatte Ihn nicht auf dem Zettel.

Dennoch fand der Fall nun Aufnahme in der Weltpresse:

*Who ist the Mystery men behind Germany's 'Nazi-looted' art haul? (CNN)   
*Report of Nazi-Looted Trove Puts Art World in an Uproar (New York Times)
*British doctor believes family's missing masterpieces among Nazi art trove (Daily Telegraph)


Oder mit den Worten der Yellow Press, auf die in solchen Fällen immer Verlass ist:


*Heil Hidler: Nazi art hoarder has second stash of pics 
*Matisse, Chagall and Dix pieces found in Munich Nazi flat 
*Nazi art worth £1BILLION found in shabby flat after dealer's son hid Picasso and Renoir

Gurlitt Wohnung Schwabing Munich

Angestachelt von den reißerischen Berichten in den Medien, ging auch ich zunächst von einem Mega Kunstverbrechen im Rahmen von Nazi Beutekunst aus. Ich freute mich bereits auf eine 4. Pinakothek mit der Gurlitt Sammlung...

Leider sind die Dinge meistens komplizierter als man denkt. Viele der Bilder scheint der Vater des geheimnisvollen Herrn Gurlitt nämlich rechmässig erworben zu haben. Sie sind daher nun mutmaßlich in das Eigentum des heute 80 jährigen Schwabinger Rentners übergegangen.

Sein geheimnisvolles Leben finanzierte der alte Herr durch gelegentliche Verkäufer seiner Bilder zumeist in Schweizer Auktionshäusern. Wahrscheinlich hatte er auch ein Schweizer Bankkonto. Den deutschen Behörden war er aufgefallen, als er mit einer großen Summe Bargeld von der Schweiz auf dem Weg nach München war.

In München lebte er in einem Wohnblock in Schwabing. Es muss ein einsames Leben gewesen sein. Keinem durfte er verraten, keinem durfte er zeigen was für Schätze auf 30 QM in seiner Wohnung schlummerten. Nur alle Jubeljahre wurde ein Kunsthändler informiert dieses oder jenes Bild abzuholen.

Bilder wie das obige des Appartement-Blocks in Schwabing geisterte jedenfalls durch die Weltpresse. Grund genug für mich das Versteck einmal aufzusuchen. Doch wie findet man die Adresse eines Phantoms nur anhand eines Photos. Mein Spürsinn wurde geweckt. Die Abendzeitung gab mir letztlich den entscheidenden Hinweis: Eine Nachbarin wurde über den ominösen Herrn Gurlitt interviewed. Und Gräfin Valvasori wusste einiges zu berichten. Zum Glück war die adelige Dame nicht so zurückhaltend mit Ihren Daten wie Ihr Nachbar und vertraute auf einen Eintrag ins öffentliche Telefonbuch.

Auf ging es für mich zum Artur-Kutscher-Platz 1 an die Münchner Freiheit. Etwas Schmunzeln musste ich, als ich feststellte, dass ich hier bereits bei der letzten Bombennacht von Schwabing -der Entschärfung der Fliegerbombe- Stunden verbracht habe. Herr Gurlitt muss hier knapp einer Evakuierung entgangen sein, aber einen Wahnsinns Blick auf das Bomenentferno gehabt haben.

Der Wohnblock machte auf mich einen abweisenden Eindruck. 6 stöckige kalte Krieg Optik, dafür aber mit jeder Menge großer Balkone und Dachterassen für sonnenverwöhnte und zahlungskräftige Münchener. Auf den ersten 3 Metern Richtung Hauseingang starrten mich 3 Verbotsschilder an: Keine Fahrräder, keine Hunde, kein Zutritt. 

Gurlitt Wohnung schwabing

Ein Blick in das Foyer offenbarte einen Empfangsbereich fast von Hotelgröße und 2 Fahrstühle. Typisch Schwabing: Wohnung mit großem Balkon, nahe am Englischen Garten, Sonnenseite. Dafür  werden beim äußeren Abstriche gemacht. Dafür hat man seine Ruhe.

Direkt neben der Wohnanlage ein Taxistand, an dem Fahrzeuge mit laufendem Motor warteten. Die Fahrer wussten um Ihr Geschäft. Die alten Herrschaften der Umgebung zahlen sicherlich gerne in bar und mögen keine Öffis.

Eine echte Überraschung wartete bei der Ansicht des Türschildes. Alles fein säuberlich alphabetisch sortiert, damit man sich schneller zurecht findet. So fiel mir ein Name in der Mitte des silbernen Klingelschildes sofort ins Auge: "Gurlitt". Geklingelt habe ich nicht.

Türschild Gurlitt Wohnblock schwabing

Freitag, August 31

Die Bombe von Schwabing

Bombe schwabing Absperrung
Die Süddeutsche hatte einen Live Ticker mit 4 Reportern vor Ort. Neben mir stand RTL und BR Fernsehen. Erst berichtete die Tagesschau, dann das heute-journal. Mario Gomez wurde evakuiert. Christian Ude war betroffen. Gleicher verkürzte seinen Interviewauftritt mit dem größten Vorbild aller und sogar coolsten Deutschen Helmut Schmidt um nach Schwabing zu gelangen.

Bei meiner abendlichen Radltour durch München stutzte ich. War doch die Ludwigstraße schon zwischen Feldherrnhalle und Siegestor gesperrt. Ein gern angenommener Anlass um einfach einmal über Münchens - Prachtboulevard in Schlangenlinien zu radeln. Natürlich hatte ich von der gefundenen Fliegerbombe unter der Schwabinger 7 gehört. Allerdings schon längst mit einer Entschärfung gerechnet. Pustekuchen: Es sollte noch sehr spannend werden.

Wer unter 70 Jahren kann schon behaupten bei der Explosion einer Fliegerbombe aus dem Weltkrieg dabei gewesen zu sein? Also umrundete ich mit dem Radl zunächst einmal die Fundstelle. Die allerdings konsequent von Polizisten mit Megaphonen durch Flatterband abgesperrt war. Im Umkreis von 300 Meter kam keiner mehr in sein Haus/ oder aus dem Haus heraus. Und das bereits seit mehr als 24 Stunden. Also verbrüderte ich mich mit ungefähr 50 Menschen, die einen Gürtel um die Absperrung am östlichen Ende der Feilitzschstraße (hier lag die Bombe) -fast am E-Garten- bildeten.

Druckwelle einer Bombe


Wahrscheinlich wäre ich nach 3 Minuten einfach weitergefahren. Wenn ich nicht umgehend von einem Polizisten aus 3 Metern Entfernung mit einem Megaphon freundlich angebrüllt worden wäre: "BITTE VERLASSEN SIE SOFORT DIE STRASSE; SIE STEHEN DIREKT IN DER DRUCKWELLE DER BOMBE". Großartig. Wußte ich bis dato gar nicht, dass die Bombe wirklich gesprengt wird und dann auch noch solch eine Wirkung entfaltet. Das klang spannend, also wartete ich und hörte weiter zu. Ich sollte es nicht bereuen.

Einige Anwohner waren am Dienstag abend bereits über 26 Stunden aus Ihren Wohnungen ausgesperrt. Einige waren schon erschöpft und kurz davor, die Absperrung eigenhändig zu durchbrechen um Ihre Hunde und Katzen aus der Wohnung zu retten oder Familienangehörige zu evakuieren. Sie schimpften auf dilletanttische Sprengexperten und inkompetente Feuerwehrmänner, die nicht in der Lage seien, eine Bombe zu beseitigen.

Sprengmeister im Einsatz fürs Foto (Kurzendoerfer, Merkur Online)
Die "dilletanttischen Sprengmeister" waren aber Experten, die extra aus Norddeutschland bestellt worden waren, da Sie als Spezialisten für Fliegerbomben mit zeitverzögerter Zündung gelten. Einer der Meister soll bei erster Sichtung der Bombe aus Schreck einen Satz nach hinten gemacht haben, ob der Gefahr die von der Bombe ausging. Problematisch: Es handelte sich um eine Bombe mit zeitverzögerter Zündung. Diese Art Bomben sollte Aufräumarbeiten im Krieg verhindern. Und Ihre tödliche Wirkung auf Rettungskräfte und Räumdienste verspätet entfalten.  Pervers. Krieg.

Dafür sehen die beiden Jungs im Overall aber noch echt ruhig aus, als hätten Sie den entspanntesten Job der Welt. Es war sogar Zeit für ein Poserfoto auf der Bombe! Ist das ein Sprengstoffspürhund? Jedenfalls leckt er sich die Nase auf dem Pulverfass. 

Aber zurück zum Bürgermob vor den Polizisten im Megaphon. Mittlerweile war der Zorn eher Sarkasmus gewichen. Mir wurde sogar mit dem Radl die Ehre zu Teil Bier vom Kiosk zu holen. Was ich gerne machte, zumal ich ja nur interessierter Beobachter war und die BEtroffenen gerne unterstützte.

Hashtag und späte Rache


Jüngere Anwohner erklärten derweil älteren Nachbarn, was der Nachrichtendienst Twitter (Hashtag #Bombe) sei. Nämlich so eine Art "Bürgerfunk". Viel wurde über das "alte" Schwabing mit Künstlern und Kneipen philsophiert, die dem Kapital und Büros weichen mussten. Die Bombe lag direkt unter der Theke der alten Kultinstititution und Kneipe "Schwabinger" für die lange vergeblich gekämpft wurde. Liebevoll "Schwasi" oder nur 7 genannt. Schnell macht daher der flotte Spruch der "späten Rache der Schwabinger 7" die Runde.

Bombe schwabing Absperrung
Langsam wurde es dann aber wieder ernst am Flatterband. Über eine Stunde warnte ein Auto mit Lautsprechern vor der bevorstehenden Sprengung der Bombe. Bewohner im Sperrgürtel wurden aufgefordert die Fenster zu schließen und die Hörgeräte herauszunehmen. Niemand war sich zu diesem Zeitpunkt klar, welche Wirkung eine solche Bombe entfaltet. Auch die Polizisten trugen mit Megaphon Spekulation nicht zur Beruhigung der Lage bei. Wieviel sind 250kg Sprengstoff? Antwort der Polizei: "Weniger schlimm als 500kg Sprengstoff".

Countdown 2 Minuten


Um kurz vor 10 Uhr wurde es entgültig ernst. Selbst die Pozilei bekam den Befehl sich in die Mannschaftswagen zurückzuziehen, während wir weiterhin neben der vermeitlichen Druckwell ausharrten. Per Megaphon wurde ein Countdown von 2 Minuten angekündigt. Die ersten hielten sich die Ohren zu. Kameras und Mikrophone richteten sich gen Bombenort. Die Ersten hielten sich die Ohren zu. Andere empfohlen den Mund zu öffnen um den Druckauszugleichen un die Trommelfelle zu behalten. Es wurde totenstill. Es war 21:56 Uhr.

21:57 ein ohrenbetäubender Knall, wie von einer Rohrbombe oder einem Chinaböller XXL in der Telefonzelle neben an. Aber leider keine Druckwelle. Neben uns schäppert es plötzlich. Tatsächlcih kommt ein Bombensplitter aus Metall neben uns runter. Halbsogroß wie ein Gullideckel. Glühend heiss. Der erste Verlezte der Bombennacht wird beklagt. Er verbrennt sich die Hände als er sich den Bombensplitter als Souvenier sichern will. Der Himmelwird von der Explosion kurz hell erleuchtet, überall fliegendes glühendes Stroh im Nachthimmel. Schnell bildet sich eine Ascheschicht auf den Schultern. Alle atmen aber erleichtert auf. Der Schrecken ist vorbei. Eine der letzten Bombenkriegdetonationen ist überstanden. Und das nicht im Luftschutzkeller, sonder mit nem Bierchen am Rand des englischen Gartens unter grünen Bäumen.

Leider zerbersten rund um die Detonation viele Scheiben und Schaufenster. Auch kann die Feuerwehr einige kleiner Brände nicht verhindern. Insgesamt wird aber ein positives Fazit gezogen werden. Ich kann von mir behaupten, ich war mal bei einer Bombennacht dabei.

Nicht aber kann ich das behaupten was Hertha Wimmer eine 92 jährige Anwohnerin der TZ erzählte:


"Diese Bombe hat uns gegolten"  

Montag, November 22

Feldherrnhalle - passiver Widerstand


Die Feldherrnhalle ist in München ein beliebter Treffpunkt für Touristen. Auf den Stufen lassen sich prima "I was here" Fotos schiessen. Dabei werden die Löwen an den Treppen gekrault und das Treiben auf dem Odeonsplatz beobachtet. Der überteure "Frai Latte Chai Caramel Coffee To Go" einer der amerikanischen Kaffeeketten am Odeonsplatz darf natürlich nicht fehlen.

Die Feldherrenhalle schliesst.....shit...schon wieder falsch geschrieben....Die Feldherrnhalle schliesst die Ludwigstrasse prächtig, protzig zur Altstadt hin ab. Eigentlich ist es gar keine Halle, wo man reingehen kann. Eher eine Art Baldachin mit gewaltigen Säulen. Von der Residenz und der Theatinerkirche umgeben, erzeugen die 3 Gebäude mit ihren warmen Farben ein italienisches Flair und machen den Odeonsplatz zu einem richtig südlichen "Campo".

Leider hat der "Campo" eine dunkle Vergangenheit. Die Widmung "dem bayrischen Heere" mag ja i
m 19. Jahrhundert noch akzeptabel gewesen sein.
Am 9. November 1923 aber startete Adolf Hitler seinen Putschversuc
h in München mit einem "Marsch auf Berlin". Die Putschisten kamen aber leider nur vom Bürgerbräukeller ca. 900m weiter bis zur Feldherrnhalle, wo der Putschversuch mit einem Schusswechsel zwischen Polizei und Hitler-Anhängern endete.
Anstelle Hitler für den Staatsstreich hinzurichten (was fü
r linke Putschisten damals Mindeststrafmass war), kam Hitler in die ehrenvolle Festungshaft nach Landsberg. Hier konnte er dann in Ruhe die Machtübernahme -bekanntlich 10 Jahre später- planen.

Kurioserweise finden trotz der Geschichte auch heute noch viele Kundgebungen und Demonstrationen aller gesellschaftlichen Gruppen vor der Feldherrenhalle statt.


Einer der ersten Akte der neuen Machthaber war es 1933, aus der Feldherrnhalle einen Kultort für die getöteten Nazis der ersten Stunde zu machen. Die Toten wurden kurzerhand zu "Blutzeugen" und eine Tafel, Fackeln und Mahnwache wurden an der östlichen Seite der Feldherrnhalle installiert. Jeder Passant war verpflichtet beim Passieren den Arm zum Hitlergruss zu erheben.

Das war den Münchner natürlich nicht Recht und viele entschieden sich daher angeblich zum passiven Widerstand. Anstelle die Ehrentafel zu passieren machten sie einen Umweg durch die Viscardigasse und gingen somit am westlichen Ende der Halle vorbei, ohne den Arm heben zu müssen. Treffenderweise wurde die Viscardigasse im Volksmund zur "Drückebergergasse" getauft.
Eine goldene Linie auf dem Pflaster der Viscardigasse erinnert heute an den Widerstand.



Zufälligerweise passiere ich in den späten Abendstunden des 9. Novembers die Feldh
errnhalle. Eigentlich erwarte ich am Schicksalstag der Deutschen Lichter oder ähnliches, die an den 87. Jahrestag des Putsches oder die Judenprogrome erinnern.
Stattdessen liegt die Feldherrenhalle dunkel vor mir und hinter den Treppen sitzen dunkle Gestalten und klirren mit Bierflaschen. Ich denke schon an eine illegale Kundgebung von Rechten und zücke mein Handy, um ein Beweisfoto zu schiessen. Bei näherem hinsehen sind es aber eher schwarzgekleidete Punks, die Zuflucht unter dem Dach gefunden haben, um dem Nieselregen zu entgehen. Ich überlege kurz, ob Sie überhaupt wissen wo und an welchem Datum sie sich gerade befinden.

Schliesslich mache ich mich auf, die Gedenktafel für die getöteten Polizisten des Putsches zu suchen. Wenn ich
am 9. November schon einmal hier bin, will ich dort innehalten. Als ich die Tafel nicht an altbekannter Stelle finde, wittere ich einen neuen Skandal. Jemand muss die Tafel entwendet haben!
Erst ein Blick in die Zeitung am Folgetag hilft mir weiter. Die Stadt hat just erst einige Stunden vor mir eine nagelneue Gedenktafel an der Residenzwand gegenüber eingeweiht. Na also. Alles ist gut. Mein passiver Widerstand ist aufgehoben.


Montag, September 6

Dachau und seine 2 Seiten

Die Kreisstadt Dachau liegt nur 60 Radlminuten entfernt im Münchner Nordwesten.

Dachau. Schon bei der Erwähnung des Wortes zuckte ich früher ein wenig zusammen.
Es hatte zwar nicht ganz das Niveau Orten wie Hiroshima, Tchernobyl oder Stalingrad. Aber spielte duraus in einer Liga mit Lockerbie oder Verdun. Ich erinnere mich noch gut an mein ungutes Gefühl, wenn in der ARD Sportschau -als noch echte Randsportarten gezeigt wurden- hin und wieder beim Thema Volleyball der Name des ASV Dachau fiel.

Die Stadt Dachau ist durch den Prototyp aller Konzentrationslager, das KZ Dachau, gebrandmarkt. Bereits im März 1933, also direkt nach der Machtübernahme Hitlers, wurde es vom damaligen Münchner Polizeipräsidenten (und späteren Holocaust-Chef Organisator) Heinrich Himmler eingerichtet.
Nach anfänglichen zaghaften Protesten entwickelte sich das KZ schnell zum
rechtsfreien Raum. Für Erschiessungen war nur noch der BEfehl des Lagerkommandanten und zweier Wächter erforderlich. Zunächst diente es der Abschreckung, indem v.a. prominente Oppositionelle in Dachau inhaftiert wurden.
Baracke KZ Dachau
Arbeit macht frei Dachau Eingang
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Später war es für die SS ein perfides Test-KZ. Organisation und Aufbau dienten später allen weiteren KZs im Reichsgebiet zum Vorbild. Hier finden sich im Kleinen alles was die späteren Lager bekannt machte. Die doppestöckigen Schlafgestelle in den langen Baracken, Krematorien und sogar der "Arbeit macht frei" Schriftzug. Gaskammern gab es aber hier nicht. Spätestens in den 1940er Jahren sterben tausende Häftlinge an Thyphus, Unterernährung oder werden einfach erschossen.


Von meinem Besuch vor 2 Jahren in der heutigen Gedenkstätte sind mir als besonders wiederliche Bilder von Versuchen an Gefangenen in
Erinnerung geblieben. Um die Überlebenschancen von Piloten der Luftwaffe bei einem Absturz im Meer zu verbessern, wurden Häftlinge solange in Eiswasser getaucht bis...-oder in einer Druckkammer wurde mit Probanten ein krasser plötzlicher Druckabfall wie beim Absturz aus grosser Höhe simuliert.
Mein komisches Gefühl beim Namen Dachau wurde damals voll bestätigt. In der FAZ habe ich sogar einen Artikel gefunden, der behauptet, dass das Goethe Institut an der Dachauer Str. in München sogar bis in die 90er seinen Hintereingang als Postadresse angegeben hat um keine KZ-Assoziationen mit der Adresse zu wecken!
Ich folgte damals vom Lager am östlichen Stadtrand der Stadt einem Schild "Schloss Dachau x kilometer" etwas beklommen mit dem Radl in die Altstadt. Dachau ist ca. 300 Jahre älter als München, und besitzt -sehr zu meinem damaligen Erstaunen- neben dem KZ am Stadtrand ein wunderbares Juwel von Altstadt. Die Altstadt duckt sich unter einem Felshügel der aus dem sonst rundherum flachen Land herausragt. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, uralte Wirtshäuser. Man fühlt sich ins Mittelalter versetzt.

Fährt man dann entlang der alten Bürgerhäuser in Serpentinen den steilen Schlosshügel hinauf gelangt man an ein wunderbares Barockschloss, in dem bestimmt schon früher rauschende Feste gefeiert wurden. Absolut sehenswert.
Schloss Dachau
Man hat von hier nicht nur einen Blick auf die komplette Münchner Stadtshilouette, sondern auch auf die Alpen vom Berchtesgadener Watzmann bis zur Zugspitze!



Wow. Die Schlossgastronomie ist gerade neu verpachtet worden, an einen Schicki Gastronom vom Ammer-See und wird umgebaut. Dann wird man sicher wieder mehr vom Schloss hören. Ich werde sicherlich mal wieder vorbeischauen.

Dennoch wird Dachau seine beiden gegensätzlichen Seiten für mich wohl behalten. Ich kann einen Besuch -egal welcher Seite- nur empfehlen.