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Sonntag, November 9

Hindenburg in Bayern: Eine Büste wird vom Sockel gestoßen

Was man auf dem Bild sieht ist eine Gedenktafel für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Das mag im preussisch geprägten Teil Deutschlands nichts besonderes sein. Was aber hat Sie im bayerischen Voralpenland zu suchen? Und warum fehlt die Büste?

Das Resultat eines Literaturabends

 

Gehen wir chronologisch vor. Ich nutze das Wochenende in München zur Erholung. 2 Wochenenden am Stück war ich nicht in München, 2 kommende Reisewochenenden stehen mir bevor. Vielleicht kennt Ihr das. Verteilt in der Wohnung, auf dem Schreibtisch, Sofa und neben dem Bett liegen Bücher, die mal lesen möchte, aber noch nicht die Musse hatte tiefer einzusteigen.

So ging es mir also am Samstag Abend bei einer Kanne Roibos Tee und ich vertiefte mich in den Gesprächsband von Giovanni di Lorenzo und Helmut Schmidt. Ein lesenswertes Buch, mit Statements eines wahren Stoikers, Hanseaten und Elder Statemens/Ex Bundeskanzlers. Häufiger geht es um politische Auseinandersetzungen mit dem langjährigen CSU Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Helmut Schmidt gibt zu FJS persönlich geschätzt zu haben und bezeichnet Ihn mehrfach als fabelhaften Rethoriker.

Als ich dass Buch von Schmidt/Lorenzo zurückstelle in die Politik Ecke des Bücherregals, bleibt mein Blick hängen an der FJS Autobiographie. Ich habe Sie schon vor Jahren aus neobajuwarischem Interesse in einem Antiquariat gekauft. 600 Seiten Politik hatte mich dann aber wohl jahrelang abgehalten einen tieferen Blick hineinzuwerfen.  

Ein Blick in die Strauss Autobiographie


Nun wage ich einen Blick und lese die ersten 30 Seiten der Strauss Autobiographie. FJS hat Sie nur ein halbes Jahr vor seinem Tod auf Band gesprochen und ich finde es hochspannend, dass er gegeüber der ersten NSDAP Parteizentrale an der Schellingstrasse als Sohn eines einfachen Metzgers grossgeworden ist.

Hängen bleibe ich aber an einem Zitat über den Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Als Reichspräsident hat er als Greis Hitler zum Kanzler gemacht, als Miterfinder der Dolchstosslegende die Weimarer Republik torpediert und als Generalfeldmarschall unter Wilhelm II den Tod hunderttausender Soldaten im WW I in die Schlachten um Verdun zu verantworten.

FJS in seiner Autobiographie über eine Unterhaltung mit dem Ex-Reichkanzler Brüning:

"Über Hindenburg, der Ihn (Brüning) rücksichtslos hatte fallen lassen, verlor Brüning kein schlechtes Wort. Eine ironische Anmerkung: Für mich hat Hindenburgs Metamorphose begonnen, als er seine Hirsche nicht mehr bei uns in Bayern, in Dietramszell, schoss, sondern in Neudeck in Westpreussen. Solanger er noch unter bayerischen Einfluss stand, nicht von ostelbischen Gutsbesitzern wie Oldenburg-Januschau, waren die Dinge noch in Ordnung."

Hindenburg, der Ultra Preusse -geboren 1845 in Posen- soll lange Jahre in Bayern, in Dietramszell, gejagt haben? Das begann mich zu interessieren.

Ja es stimmt. 1922 bis 1932 verbrachte Hindenburg seine Sommerfrische in Dietramszell. Ein wenig Google und dem Oberbayerischen Volksblatt sei Dank:

Hindenburg und Dietramszell – das ist eine besondere Geschichte. Sie führt zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs. Der Forstfachmann Georg Escherich aus Isen bei Dorfen (Landkreis Erding) wird in das unwirtliche Waldgebiet Bialowies („Gouvernement Warschau“) entsandt. Er soll die Erschließung des Urwalds in Angriff nehmen. Bialowies ist auch ein Jagdrevier. Eine besondere Attraktion: Wisente. Escherich gibt nur einzelne Exemplare zum Abschuss frei, insgesamt acht Tiere. Zuerst darf am 12. November 1915 Kaiser Wilhelm II. ein Tier erlegen. Als nächster ist dann im Januar 1916 Kriegsheld Hindenburg an der Reihe. Er wird es Escherich nie vergessen. Die beiden bleiben befreundet. Sie sind auch Gesinnungsfreunde – für Demokratie und Republik haben beide nichts übrig. 
Es kommt die Kriegsniederlage, es kommt die Revolution und die Republikgründung. Hindenburg, der Held, mischt in der Politik mit, aber er ist noch nicht Reichspräsident (das wird er erst 1925). 1921 erleidet er einen Schicksalsschlag. An seinem Wohnort Hannover stirbt seine Frau Gertrud. „Nicht zuletzt, um sich nach dem Tod seiner Frau abzulenken“, schreibt der Historiker Wolfram Pyta, „besann Hindenburg sich wieder auf seine alte Jagdpassion.“ Sein alter Jagdkumpan Escherich setzt ihn auf die Gams an. Im Sommer 1922 logiert Hindenburg erstmals in Oberbayern, Escherich bringt ihn bei der mit ihm befreundeten Familie Schilcher unter, der das Dietramszeller Klosterschloss gehört. Hindenburgs Jagdausflüge in das Revier Fall an der Isar hinter Lenggries waren für den damals schon über 70-Jährigen eine Strapaze. Eine Lore der Holzabfuhrbahn, die mit Sitzen versehen und von Pferden gezogen wurde, brachte ihn ein Stück bergauf. Den Rest musste Hindenburg aber selber gehen. „Dass er diese Strapazen bis 1931 Jahr für Jahr auf sich nahm und mit einem oder mehreren guten Böcken belohnt wurde, zeugt von seiner Leidenschaft für das edle Waidwerk wie von seiner guten körperlichen Konstitution“, schreibt Historiker Pyta.

Die meisten Google Suchergebnisse nach "Hindenburg in Dietramszell" werden aber von einem aktuelleren Thema bezüglich Dietramszell und Hindenburg bestimmt. Vor dem Dietramszeller Klosterschloss -einem oberbayerischen Spät-Barock Juwel- stand seit Ende der 30er Jahre eine Hindenburg Büste. Aufgestellt von den ehemaligen Besitzern der Familie Schilcher, abgehängt niemals. Auch nicht von den heutigen Besitzern einem Selesianer Stift und einer Montessori Schule.

Wie man mit der Vergangenheit umgeht -Hindenburg war in weiten Kreisen der konservativen Gesellschaft ein angesehener Mann- ist so eine Sache. So lassen? Hinweistafel? Abreissen?

Meine Heimat Münster hat sich für folgende Lösung entschieden:



Ein Münchner Aktionskünstler entschied sich im Sommer 2014  in Dietramszell aktiv zu werden. Er entnah kurzerhand die Büste, versah Sie mit einem Hakenkreuz und setzte Sie in den Garten der Nachfahren derer von Schilcher.

Ein wahrer historischer Krimi entsponn sich nun. Wusste ich doch nicht, was seitdem mit der Büste geschehen war. Es nützte nicht. Ich musste heute in das 5000 Einwohner Dorf. Keinen Bahnhof gibt es dort, also beschloss ich das Mountainbike zu nehmen und 70 KM über Land gen Süden zu fahren. Die hüglige Moränenlandschaft trotzte mir einige Körner ab, aber ich war motiviert. Ein wenig fühlt ich mich wie in einem Dan Brown Roman, noch viel mehr aber wie Umberto Eco in seiner Vorschrift zum Roman "Im Namen der Rose":

"Am 16. August 1968 fiel mir ein Buch aus der Feder eines gewissen Abbé Vallet in die Hände: Le manuscript de Dom Adson de Melk, traduit en français d'après l'édition de Dom J. Mabillon (Aux Presses de l'Abbaye de la Source, Paris 1842). Das Buch versehen mit ein paar historischen Angaben, die in Wahrheit sehr dürftig waren,  präsentierte sich als die getreue Wiedergabe einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, die der große Gelehrte angeblich seinerseits im Kloster Melk gefunden hat".

Mit diesem Satz beginnt der legendäre  Roman "Der Name der Rose". Umberto Eco warnt den Leser der deutschen Ausgabe augenzwinkernd aber ein paar Sätze später:  

"Der geneigte Leser möge bedenken: Was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes."

Mit dem Radl auf dem Weg nach Dietramszell


Ganz so verworren war es dann bei mir doch nicht und ich erfreute mich der zauberhaften Herbstbilder und immer andersartiger Blicke auf das Alpenpanorama von der Zugspitze bis zum Wendelstein.



Dietramszell ist eine beliebte Einfamilienhausstadt im Süden Münchens. Knapp über der Hälfte zwischen Landeshauptstadt und Tegernsee. Zwar stehen hier weniger Bonzenhäuser wie in den Münchner Vororten Grünwald oder Sauerlach, aber es geht gediegen zu. Auch Kulturschaffende wie die Autorin und Moderatorin Amelie Fried oder der Regisseur Marcus H. Rosenmüller sollen hier wohnen. Auf dem Weg dorthin fahre ich durch viele Dörfer, die durch Kircherl, Wirtshaus, Bauernhof und Dorfweiher geprägt sind. Idylle pur.

In Dietramszell ist es durch das Klosterschloss, was gleichzeitig die Pfarrkirche ist, anders. Vom Wirtshaus fährt man noch 300m einen steilen Berg runter und steht urplötzlich vor den massiven waldumrandeten Klostermauern.

Im Angesicht mit der Hindenburg Gedenktafel


Der geneigte Leser weiss es schon und ich sehe es auch schnell. Die Büste ist noch immer nicht wieder da. Hindenburg ist gone, un die Hinweistafel ohne Büste fällt kaum weiter auf. Ich nutze die darunterliegende Bank für eine lange Pause mit Brotzeit und geniesse die warme Novembersonne.


Immerhin die Einfahrt zum Klosterhof mit den Hirschgeweihen erinnert vielleicht noch an den alten Preussen in Bayern. Eine Geschichte nach meinem Geschmack. Ende offen.

Geschichtsnostalgie ala Dietramszell


Nachtrag:

Die Dietramzeller haben  es ein wenig mit Geschichtsnostalgie. Neben dem Kloster erinnert eine Wirtshauswandmalerei an die letzte Postkutsche Bayerns:



Nachtrag 2:

Im Dezember 2013 kam es zu einem Eklat als Hitler und Hindenburg die Ehrenbürgerwürde der Stadt Dietramzell nochmals pro Forma entzogen werden sollte (laut bayerischer Gemeindeordnung erlischt Sie mit dem Tode). Brisantes Abstimmungsergebnis: 8:8 unentschieden. Im zweiten Wahlgang klappte es dann doch.

Nicht nur die süddeutschen Gazetten auch amerikanische Late Night Talker (Jaret Leno) amüsierten sich über das "kleine Dorf im Süden Deutschlands".


Sonntag, November 10

Eingemauert in Schwabing: Besuch beim geheimnisvollen Gurlitt Wohnblock

Nachdem ich schon einmal vom "Crime of the Century" in Australien gelesen habe, hat dies Ereignis wohl das Zeug zum "Art-Crime of the Century"! Und das hier in München!

Wie in dieser Woche der Focus herausfand, wurden in einer Wohnung in München-Schwabing, Kunstwerke im Wert von einer Milliarden Euro gefunden. Gemälde verschollen seit der Nazi Zeit. Dürer, Spitzweg, Chagall, Nolde, Kandinsky, Picasso und Toulouse-Lautrec: Unter den Künstlern befinden sich all Maler, die die Münchner Pinakotheken zu Weltruhm verhelfen und die Isarstadt zu einer Kunstmetropole machen.

Der Sohn des Kunsthändlers Hildebrandt Gurlitt -"Constantin Gurlitt" bewohnt(e) das Appartement in Schwabing, gemeinsam mit Konservendosen und Trockenknödeln. Man soll Ihn nie gesehen haben, immerhin war er gar nicht in München gemeldet, zahlte keine Steuern und selbst die Rundfunkanstalt hatte Ihn nicht auf dem Zettel.

Dennoch fand der Fall nun Aufnahme in der Weltpresse:

*Who ist the Mystery men behind Germany's 'Nazi-looted' art haul? (CNN)   
*Report of Nazi-Looted Trove Puts Art World in an Uproar (New York Times)
*British doctor believes family's missing masterpieces among Nazi art trove (Daily Telegraph)


Oder mit den Worten der Yellow Press, auf die in solchen Fällen immer Verlass ist:


*Heil Hidler: Nazi art hoarder has second stash of pics 
*Matisse, Chagall and Dix pieces found in Munich Nazi flat 
*Nazi art worth £1BILLION found in shabby flat after dealer's son hid Picasso and Renoir

Gurlitt Wohnung Schwabing Munich

Angestachelt von den reißerischen Berichten in den Medien, ging auch ich zunächst von einem Mega Kunstverbrechen im Rahmen von Nazi Beutekunst aus. Ich freute mich bereits auf eine 4. Pinakothek mit der Gurlitt Sammlung...

Leider sind die Dinge meistens komplizierter als man denkt. Viele der Bilder scheint der Vater des geheimnisvollen Herrn Gurlitt nämlich rechmässig erworben zu haben. Sie sind daher nun mutmaßlich in das Eigentum des heute 80 jährigen Schwabinger Rentners übergegangen.

Sein geheimnisvolles Leben finanzierte der alte Herr durch gelegentliche Verkäufer seiner Bilder zumeist in Schweizer Auktionshäusern. Wahrscheinlich hatte er auch ein Schweizer Bankkonto. Den deutschen Behörden war er aufgefallen, als er mit einer großen Summe Bargeld von der Schweiz auf dem Weg nach München war.

In München lebte er in einem Wohnblock in Schwabing. Es muss ein einsames Leben gewesen sein. Keinem durfte er verraten, keinem durfte er zeigen was für Schätze auf 30 QM in seiner Wohnung schlummerten. Nur alle Jubeljahre wurde ein Kunsthändler informiert dieses oder jenes Bild abzuholen.

Bilder wie das obige des Appartement-Blocks in Schwabing geisterte jedenfalls durch die Weltpresse. Grund genug für mich das Versteck einmal aufzusuchen. Doch wie findet man die Adresse eines Phantoms nur anhand eines Photos. Mein Spürsinn wurde geweckt. Die Abendzeitung gab mir letztlich den entscheidenden Hinweis: Eine Nachbarin wurde über den ominösen Herrn Gurlitt interviewed. Und Gräfin Valvasori wusste einiges zu berichten. Zum Glück war die adelige Dame nicht so zurückhaltend mit Ihren Daten wie Ihr Nachbar und vertraute auf einen Eintrag ins öffentliche Telefonbuch.

Auf ging es für mich zum Artur-Kutscher-Platz 1 an die Münchner Freiheit. Etwas Schmunzeln musste ich, als ich feststellte, dass ich hier bereits bei der letzten Bombennacht von Schwabing -der Entschärfung der Fliegerbombe- Stunden verbracht habe. Herr Gurlitt muss hier knapp einer Evakuierung entgangen sein, aber einen Wahnsinns Blick auf das Bomenentferno gehabt haben.

Der Wohnblock machte auf mich einen abweisenden Eindruck. 6 stöckige kalte Krieg Optik, dafür aber mit jeder Menge großer Balkone und Dachterassen für sonnenverwöhnte und zahlungskräftige Münchener. Auf den ersten 3 Metern Richtung Hauseingang starrten mich 3 Verbotsschilder an: Keine Fahrräder, keine Hunde, kein Zutritt. 

Gurlitt Wohnung schwabing

Ein Blick in das Foyer offenbarte einen Empfangsbereich fast von Hotelgröße und 2 Fahrstühle. Typisch Schwabing: Wohnung mit großem Balkon, nahe am Englischen Garten, Sonnenseite. Dafür  werden beim äußeren Abstriche gemacht. Dafür hat man seine Ruhe.

Direkt neben der Wohnanlage ein Taxistand, an dem Fahrzeuge mit laufendem Motor warteten. Die Fahrer wussten um Ihr Geschäft. Die alten Herrschaften der Umgebung zahlen sicherlich gerne in bar und mögen keine Öffis.

Eine echte Überraschung wartete bei der Ansicht des Türschildes. Alles fein säuberlich alphabetisch sortiert, damit man sich schneller zurecht findet. So fiel mir ein Name in der Mitte des silbernen Klingelschildes sofort ins Auge: "Gurlitt". Geklingelt habe ich nicht.

Türschild Gurlitt Wohnblock schwabing

Samstag, April 13

Ein leerer Sockel am Wittelsbacher Platz

leere Sockel auf dem Wittelsbacher Platz

Der Wittelsbacher Platz. Eine neoklassizistische Komposition im Herzen Münchens. Gegen Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen wird er von Gebäuden des Architekten Leo von Klenze flankiert. Links liegt das Graf Arco Palais, rechts das Odeon (Konzerthaus), wo heute das bayerische Innenministerium gastiert.

Baut weiter kräftig um: Siemens-Chef Peter Löscher
Peter Löscher Quelle:Siemens AG
Viel interessanter ist aber das Gebäude am Abschluss des Platzes, sowie die Statuen auf dem Platz. Im zartrosa gehaltenen Palais auf dem Bild hofiert nämlich kein geringerer als der Vorstand der weltumspannenden Siemens AG. Wird ein neuer Vorstandsvorsitzender vom Aufsichtsrat gewählt, muss er auf exakt jenen Stufen vor dem rosa Gebäude seine erste Rede halten.

Viel markanter ist natürlich das zentral stehende Reiterstandbild (1839) des bayerischen Kurfürsten und Herzogs Maximilian I., der Bayern durch die Wirren des 30 jährigen Krieges lenkte.

Trafalgar Square Kunst auf dem Wittelsbacher Platz

Im Winter findet auf dem Platz ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt statt. Nette -natürlich stilistisch völlig unpassende- Kulisse. Mir bleiben meist die teuren Pfandpreise für den Feuerzangenbowle Becher und die Tatsache dass man in Gulden zahlt (1€ = 1 Gulden) in Erinnerung. Auch der Hamburger Fischmarkt mit Aale Dieter hat es auf einer Auswärtstournee schon auf diesen Platz geschafft. Stilistisch noch viel unpassender.

Nun habe ich von einem viel interessanteren Projekt erfahren. Bei einer nächtlichen Fahrradfahrt habe ich recht erstaunt anhalten müssen, weil sich plötzlich ein zweiter, leerer Sockel auf dem Platz in die Höhe reckte. Bayern ist ja immer für eine Überraschung gut, hier werden noch neue Kirchen gebaut, aber allein an ein 2. Reiterstandbild auf dem Platz für Franz Josef Strauss I. konnte ich nicht glauben. 
Natürlich musste das recherchiert werden und ich landete virtuell in London am Trafalgar Square. Um den Trafalgar Square herum stehen 4. Sockel für Statuen. Aus Kostengründen konnten bei der Errichtung 1841 aber nur 3. Sockel mit Bronzegüssen fertig gestellt werden. Der 4. Sockel -auf dem ein Reiterstandbild William des IV stehen sollte- blieb aus Kostengründen unfertig und leer.

Über 150 Jahre wurde der sogenannte "Fourth Plint" zum Gespött und Tratsch der Londoner. Erst 1999 kam man auf die Idee den Sockel für einen zeitgenössisches Kunstprojekt freizugeben, so dass der Sockel nun endlich seine Bestimmung gefunden hat! Wechselnde Skulpturen, wie ein Schlachtschiff in der Flasche oder ein Knabe auf einem Schaukelpferd, lassen den Sockel nun zu einer wechselnden Attraktion für Touristen und einheimische Londoner werden.


Mit dem Kunstprojekt "A space called public" verfolgt die Stadt München ein ganz ähnliches Konzept und lässt es sich 1,3 Mio Euro kosten. Kuratoren des Kunstprojektes mit verschiedenen Aktionen im öffentlichen Raum sind die beiden Skandinavier Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die sich derzeit auch für den schaukelnden Jungen auf dem "Fourth Plint" in London verantwortlich zeigen.

Was sich allerdings auf dem Sockel am Wittelsbacher Platz einfinden wird bleibt noch geheim. Hiess es lange.

Nun ist es doch herausgesickert: Eine Jury wählte den Entwurf des Münchner Künstlers Alexander Laner. Er wird den Sockel zu einem Luxusapartement mit Garten und Dachterasse umgestalten und damit auf die Wohnungsraumnot in München hinweisen.

Ab Ende Mai kann man dann das Sockelapartment temporär anmieten. Man darf gespannt sein! Persönlich hätte ich mir aber lieber eine weitere Skulptur auf dem Platz gewünscht.

Freuen tue ich mich aber in jedem Fall auf viele weitere Installationen in München und seinem so schönen öffentlichen Raum!

Montag, April 8

Schweineskulpturen München - was hat das Schwein vorm Jagdmuseum mit Sydney und Florenz zu tun?

Seit meinem ersten München Besuch bewundere ich diese Statue. Wahrscheinlich habe auch ich beim ersten mal seine Schnauze berührt und dann ein Foto von mir mit dieser Skulptur gemacht. Es geht um das bronzene Schwein auf der Neuhauser Straße.

Bronzeskulptur Schwein Eber Keiler Jagdmuseum München

 Gemeinsam mit einer Welsskulptur ziert es den Eingang des deutschen Fischerei und Jagdmuseums (findet gerade eine Wolpertinger Ausstellung statt!) in der Münchner Fußgängerzone. Ziemlich martialisch mit geöffnetem Brecher, aber dennoch scheinbar zufrieden hockt der Eber auf einem niedrigen Sockel. Ob seiner niedrigen Höhe wird es leider auch schon mal zum Opfer rangierender LKWs, die die Geschäfte in der Innenstadt beliefern. Schlagzeile daraufhin in den lokalen Gazetten:

"Wildunfall in der Münchner Innenstadt"

Mich fasziniert die Bronzestatue irgendwie. Bei der Recherche bin ich nun auf eine weltumspannende Geschichte gestoßen.

Geschaffen hat die Skulptur "Sitzender Keiler" der Bildhauer Martin Meyer, der auch noch für einige weitere tierische Skulpturen in München verantwortlich ist. Das Modell des Keilers in der Innenstadt ist allerdings ein Abguss (1978) einer früher gefertigten Keilerskulptur, die bereits 1960 in einer Münchner Wohnanlage der Borstei aufgestellt wurde. Dies ist das Original in der Borstei:

Bronzestatue Schwein Borstei Keiler Eber
Ein wenig größer und nicht so blank poliert von sovielen Touristenhänden. Das Berühren der Keilernase soll Glück bringen, was den goldenen Riechkolben erklärt. Auch vom Original war ich beeindruckt. Nun stelle ich aber beim recherchieren fest, dass ich in der Borstei eigentlich immer noch nicht zum Original vorgestoßen bin...

Entworfen hat die Schweineskulptur nämlich bereits im Frühbarock ein italienischer Bildhauer namens Pietro Tacca. Seine Version kann man seit ca. 1640 am Mercato Nuovo in Florenz bestaunen. Und bis auf ein etwas struppigeres Fell ähnelt Sie den Münchnern Nachfolgern sehr.



Doch selbst der begnadete Tacca hatte kein Original geschaffen. Seine Version geht auf eine römische Kopie einer griechischen Marmorskulptur zurück und ist somit noch älter. Nun ähnelt es ja fast schon einem Dan Brown Thriller!

Drehen wir das Rad der Geschichte aber wieder einmal in die andere Richtung. Die Schweineskulptur erfreut sich bereits seit Jahrhunderten enormer Beliebtheit, so dass es weltweit verstreut Nachahmungen dieser Statue gibt.

Dabei muss ich nun schmunzeln. Nicht nur dass einiger der Taccaschen Skulpturen im Schlosspark von Nordkirchen -nur weniger Kilometer von meiner Heimat entfernt- stehen, nein ein Schwein hat es sogar nach Sydney vor das dortige Hospital geschafft. Und genau über dieses Schwein habe ich bereits 2008 bei meinem Australien Aufenthalt begeistert berichtet und ein super Touri Foto geschossen:
Schwein Sydney Hospital Keiler Eber

Die Italiener nennen die  Skulptur liebevoll Ferkelchen (Porcellino). Der Wikipedia Eintrag gibt Auskunft über weitere Standorte der Schweine. Sogar als Skulptur in einen Harry Potter Film soll es das Schweinchen geschafft haben. Wirklich eine beachtliche Karriere.